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Unterstützte Kommunikation [2]

Letz­te Woche haben wir in unse­rem Bei­trag: Unter­stütz­te Kom­mu­ni­ka­ti­on [1] über die Unter­stütz­te Kom­mu­ni­ka­ti­on im All­ge­mei­nen berich­tet. Heu­te möch­ten wir auf ver­schie­de­ne Tech­ni­ken und Hil­fen ein­ge­hen.

3 bekannte Kommunikationsformen

  • Kör­per­ei­ge­ne Kom­mu­ni­ka­ti­on; z.B. Bli­cke, zei­gen, Lau­te
  • Elek­tro­ni­sche Hilfs­mit­tel; z.B. spre­chen­de Tas­ter und ande­re Sprach­aus­ga­be­ge­rä­te, Tablett-PCs
  • Hilfs­mit­tel ohne Elek­tro­nik; z.B. Sym­bo­le, Gegen­stän­de, Bild­ta­feln, Blick­kar­te

Die kör­per­ei­ge­ne Kom­mu­ni­ka­ti­on kennt jeder aus eige­ner Erfah­rung. Sie Fra­gen sich woher? Neh­men wir das Bei­spiel der Ver­nei­nung oder Beja­hung. Was machen Sie, wenn Sie beim Essen etwas gefragt wer­den, aber gera­de nichts sagen kön­nen. Genau — Sie nicken mit dem Kopf und bekun­den somit JA. Bei NEIN schüt­teln Sie mit dem Kopf. Den Kopf hal­ten Sie schief und die Hand­flä­chen nach oben, wenn sie bedeu­ten, dass Sie etwas nicht wis­sen oder ver­ste­hen. So gibt es noch eine gan­ze Rei­he von Ges­ten die wir gut ver­ste­hen, ohne ein gespro­che­nes Wort. Mit Lau­ten kön­nen Sie das auch. Sie brau­chen nur kurz zu über­le­gen, wel­che Lau­te Sie für JA und NEIN bil­den. Die­se Kom­mu­ni­ka­ti­ons­form kann aber nicht jeder aus­füh­ren. Je nach den Mög­lich­kei­ten der jewei­li­gen Per­son müs­sen even­tu­ell ande­re Mit­tel genutzt wer­den, um eine Kom­mu­ni­ka­ti­on mög­lich zu machen.
Hilfs­mit­tel ohne Elek­tro­nik kön­nen eine gute Unter­stüt­zung für die Kom­mu­ni­ka­ti­on sein. Gegen­stän­de des All­tags kön­nen eben­so ver­wen­det wer­den, wie Sym­bol­kärt­chen oder Bild­kar­ten. Die Blick­ta­fel wird den meis­ten Men­schen eher nicht bekannt sein, des­we­gen möch­te ich sie hier beschrei­ben. Auf einem fes­ten Papier oder etwas ähn­li­chem sind auf der Vor­der­sei­te Sym­bol­bil­der zur Kom­mu­ni­ka­ti­on in sechs far­big umran­de­ten Fel­dern auf­ge­druckt. In den sechs Fel­dern sind jeweils sechs Sym­bol­bil­der auf­ge­druckt.

Infoseiten

http://fbz.uni-koeln.de/31793
http://www.akuk-online.de/
http://www.isaac-online.de/

Auf der Rück­sei­te sind die glei­chen Fel­der und Sym­bol­bil­der spie­gel­ver­kehrt dar­ge­stellt. Der Nut­zer und der Part­ner sit­zen sich gegen­über. Zuerst blickt der Nut­zer in das ent­spre­chen­de Feld und dann auf eines von sechs Sym­bo­len in die­sem Feld. Der Part­ner kann durch die spie­gel­ver­kehr­te Dar­stel­lung auf der Rück­sei­te sehen wohin der Nut­zer schaut und somit ver­ste­hen, was der Nut­zer mit­tei­len möch­te. Ich fin­de, das ist ein gran­dio­ses Hilfs­mit­tel.
Die Blicktafel(Beitragsbild): nach einer Idee von Chris Hirsch, Nico­le Hil­lig und Kath­rin Lem­ler – Sym­bo­le von Annet­te Kit­zin­ger (Met­acom).
AKUK Arbeits­kreis Unter­stütz­te Kom­mu­ni­ka­ti­on, Rett-Syn­drom Eltern­hil­fe — Lan­des­ver­band Nord e. V.

Die elek­tro­ni­schen Hilfs­mit­tel sind für mich nicht ganz leicht im Detail zu beschrei­ben. Gemein­sam haben alle Hil­fen eine akus­ti­sche Aus­ga­be, mit der ein Nut­zer sei­ner Umwelt etwas mit­tei­len kann. Durch die schnel­le Ent­wick­lung auf dem Markt der Elek­tro­nik wach­sen natür­lich auch die Mög­lich­kei­ten der Unter­stütz­ten Kom­mu­ni­ka­ti­on. Hier alle Gerä­te und Apps auf­zu­zäh­len über­steigt mei­ne Mög­lich­kei­ten. Als ein Bei­spiel möch­te ich Ihnen die Meta­Talk­DE App zei­gen. Es gibt noch eine gan­ze Rei­he von ande­ren Sys­te­men und Mög­lich­kei­ten. Im Kas­ten auf der rech­ten Sei­te haben wir ein paar Web­sei­ten auf­ge­lis­tet, über die Sie sich bei Bedarf wei­te­re und tie­fer­ge­hen­de Infor­ma­tio­nen beschaf­fen kön­nen.

Sie sehen, die Mög­lich­kei­ten zur Unter­stütz­ten Kom­mu­ni­ka­ti­on sind viel­fäl­tig und genau so wer­den sie auch genutzt. Ver­schie­de­ne Situa­tio­nen brau­chen ver­schie­de­ne Kom­mu­ni­ka­ti­ons­mit­tel, genau­so brau­chen ver­schie­de­ne Men­schen eben ver­schie­de­ne Hil­fen. Ziel der Unter­stütz­ten Kom­mu­ni­ka­ti­on ist es, für die Nut­zer ein mög­lichst hohes Maß an Selbst­be­stim­mung zu errei­chen. Durch Kom­mu­ni­ka­ti­on kann man mit­be­stim­men.

Unterstützte Kommunikation [1]

Im Mai die­sen Jah­res haben wir uns mit dem The­ma Sprach­lo­sig­keit beschäf­tigt und ver­such­ten mit dem Bei­trag “Apha­sie macht sprach­los” das The­ma greif­ba­rer zu machen. Heu­te wol­len wir über Unter­stütz­te Kom­mu­ni­ka­ti­on (UK) berich­ten.

Zielgruppen für UK

Ste­phen von Tetz­ch­ner und Harald Mart­in­sen[] unter­schei­den drei Ziel­grup­pen, für die Unter­stütz­te Kom­mu­ni­ka­ti­on hilf­reich wer­den kann.

  • Men­schen, die Laut­spra­che gut ver­ste­hen, aber unzu­rei­chen­de Mög­lich­keit besit­zen, sich aus­zu­drü­cken (UK als expres­si­ves Hilfs­mit­tel)
  • Men­schen, die Unter­stüt­zung beim Laut­sprach­er­werb benö­ti­gen bzw. deren laut­sprach­li­che Fähig­kei­ten nur dann ver­ständ­lich sind, wenn sie bei Bedarf über ein zusätz­li­ches Hilfs­mit­tel ver­fü­gen (UK als Unter­stüt­zung für die Laut­spra­che)
  • Men­schen, für die Laut­spra­che als Kom­mu­ni­ka­ti­ons­me­di­um zu kom­plex ist und die daher eine geeig­ne­te Alter­na­ti­ve benö­ti­gen (UK als Ersatz­spra­che)

Die­se Ziel­grup­pen umfas­sen Men­schen mit:

  • ange­bo­re­nen Beein­träch­ti­gun­gen (Bewe­gungs­stö­run­gen auf­grund früh­kind­li­cher Hirn­schä­di­gung, geis­ti­ge Behin­de­rung, u. a.)
  • fort­schrei­ten­der Erkran­kung (Mus­kel­dys­tro­phie, Amyo­tro­phe Late­ral­skle­ro­se (=dege­ne­ra­ti­ve Krank­heit des moto­ri­schen Ner­ven­sys­tems), Mul­ti­ple Skle­ro­se, u. a.)
  • erwor­be­nen Schä­di­gun­gen durch Unfäl­le (Schä­del-Hirn-Trau­ma, u. a.) oder Schlag­an­fäl­le
  • vor­über­ge­hend ein­ge­schränk­ten sprach­li­chen Mög­lich­kei­ten (Gesichts­ver­let­zun­gen, u. a.)

Es wird deut­lich, dass Unter­stütz­te Kom­mu­ni­ka­ti­on auf ein brei­tes Spek­trum von Men­schen mit ganz unter­schied­li­chen Behin­de­rungs­for­men zielt und Kom­mu­ni­ka­ti­ons­we­ge sowohl auf einem hohen Kom­ple­xi­täts­grad anbie­ten will, als auch basa­le Ver­stän­di­gungs­mög­lich­kei­ten und ers­te gemein­sa­me Zei­chen mit schwerst­be­hin­der­ten Men­schen sucht.

Quel­le: https://de.wikipedia.org/wiki/Unterstützte_Kommunikation

Wir wer­den also heu­te die Mög­lich­kei­ten anse­hen, die ein Mensch, der nicht mit dem Mund spricht ver­wen­den kann, um sich mit­zu­tei­len. Die Unter­stütz­te Kom­mu­ni­ka­ti­on fin­det in etwa um 1970 in Deutsch­land Ein­zug. 1990 wird die deutsch­spra­chi­ge Sek­ti­on der ISAAC gegrün­det. “Die Inter­na­tio­nal Socie­ty for Aug­men­ta­ti­ve and Alter­na­ti­ve Com­mu­ni­ca­ti­on (ISAAC) för­dert Kom­mu­ni­ka­ti­ons­mög­lich­kei­ten für Kin­der, Jugend­li­che und Erwach­se­ne, die sich nicht oder nicht zufrie­den­stel­lend über die Laut­spra­che mit­tei­len kön­nen. [1]”

Das gro­ße Ziel der Unter­stütz­ten Kom­mu­ni­ka­ti­on ist die mög­lichst selbst­stän­di­ge Kom­mu­ni­ka­ti­on im All­tag. So hat eine betrof­fe­ne Per­son die Mög­lich­keit, am sozia­len Leben teil­zu­neh­men.
Das Gelin­gen der Kom­mu­ni­ka­ti­on zwi­schen dem nicht mit dem Mund Spre­chen­den und Per­so­nen in sei­ner Umge­bung ist das obers­te Ziel. Die ein­ge­setz­ten Mit­tel zur Kom­mu­ni­ka­ti­on sind nicht von Belang. Haupt­sa­che ist, dass eine ziel­ge­rich­te­te Kom­mu­ni­ka­ti­on zustan­de kommt. Als Ersatz für das gespro­che­ne Wort wer­den die kör­per­ei­ge­nen Komu­ni­ka­ti­ons­mit­tel (zum Bei­spiel Gebär­den, Kopf­ni­cken, deu­ten, Augen­be­we­gun­gen) genau­so genutzt wie elek­tro­ni­sche und nicht­elek­tro­ni­sche Hilfs­mit­tel zur Kom­mu­ni­ka­ti­on. Zu den Hilfs­mit­teln kom­men wir im zwei­ten Teil unse­res Bei­tra­ges zum The­ma Unter­stütz­te Kom­mu­ni­ka­ti­on. Bei der Unter­stütz­ten Kom­mu­ni­ka­ti­on han­delt es sich jedoch nicht um eine rei­ne Ver­sor­gung mit Hilfs­mit­teln. Eine the­ra­peu­ti­sche Beglei­tung ist selbst­ver­ständ­lich ein wesent­li­cher Bestand­teil.

Das Ziel der Unter­stütz­ten Kom­mu­ni­ka­ti­on muss also die Ver­stän­di­gung von zwei oder meh­re­ren Men­schen sein. Die Ver­stän­di­gung durch ver­schie­dens­te Aus­drucks­mög­lich­kei­ten hat dann Erfol­ge, wenn die Bedeu­tung des Gesag­ten, Gezeig­ten oder Gedeu­te­ten beim Sen­der und Emp­fän­ger gleich sind. Sprich, wenn man sich ver­steht. Hier­bei braucht es eben neben einer guten fach­li­chen und the­ra­peu­ti­schen Beglei­tung auch sehr viel Geduld der jewei­li­gen Kom­mu­ni­ka­ti­ons­part­ner.

Nächs­te Woche: Unter­stütz­te Kom­mu­ni­ka­ti­on [2] — Hilfs­mit­tel, Gebär­den und Tech­nik.

Quel­len­an­ga­ben:
[1] http://www.isaac-online.de/index.php/ueber-uns
https://de.wikipedia.org/wiki/Unterstützte_Kommunikation
http://www.isaac-online.de/index.php

Aphasie macht sprachlos [3]

Wir haben vor 3 Wochen die Annä­he­rung an das The­ma Apha­sie mit einem Gedan­ken­ex­pe­ri­ment begon­nen. Gedan­ken­ex­pe­ri­ment des­we­gen, weil wir nicht von Apha­sie betrof­fen sind. Den­noch möch­ten wir uns mit dem The­ma beschäf­ti­gen. Da es um Men­schen geht, kön­nen wir mit­tels Vor­stel­lungs­kraft und Ein­füh­lungs­ver­mö­gen ver­su­chen, uns in die Situa­tion der han­deln­den Per­so­nen zu ver­set­zen. Die Fort­set­zung unse­res Gedan­ken­ex­pe­ri­men­tes führt uns also heu­te zu den ande­ren Per­so­nen, die von Apha­sie mit­be­trof­fen sind. Für unser Expe­ri­ment geben wir unse­ren Per­so­nen Namen und machen sie “greif­ba­rer”. In Gedan­ken las­sen wir heu­te Katha­ri­na, Han­nes und Karl selbst spre­chen:

Katha­ri­na, 38 Jah­re, Ein­zel­han­dels­kauf­frau, Ehe­frau von Peter, Trom­pe­te­rin im Musik­ver­ein

Mein Mann Peter ist von einer Minu­te zur nächs­ten ein ande­rer Mensch gewor­den. Peter hat sich natür­lich durch den Schlag­an­fall auch kör­per­lich ver­än­dert, schwie­ri­ger aber fin­de ich sei­ne Sprach­lo­sig­keit. Unse­re Lebens­si­tua­ti­on hat sich durch den Schlag­an­fall und die Apha­sie radi­kal ver­än­dert. Dadurch dass ich im Berufs­le­ben ste­he, kann ich die finan­zi­el­le Absi­che­rung unse­rer Fami­lie eini­ger­ma­ßen auf­recht erhal­ten. Die Viel­fach­be­las­tung Mut­ter, Allein­ver­die­ne­rin und Betreue­rin für mei­nen Mann, strengt mich sehr an und for­dert viel Kraft. Selbst­ver­ständ­lich möch­te ich mit Peter wei­ter leben, auch wenn das anstren­gend ist und wahr­schein­lich blei­ben wird. Wir wer­den das schon meis­tern. Wobei es, das möch­te ich nicht ver­heim­li­chen, auch Tage gibt, da könn­te ich die Wän­de hoch gehen. War­um Peter, war­um wir? Fra­gen und Frus­tra­tio­nen. Auch das gehört dazu. Dann wie­der Erfol­ge, wenn Peter etwas ben­ne­nen kann sich den Namen mer­ken oder aus­spre­chen kann — Fort­schritt. Das ist für mich in Inter­val­len ein Wech­sel­bad der Gefüh­le. Manch­mal, gera­de wenn die Kin­der eine schwie­ri­ge Pha­se haben, füh­le ich mich rich­tig allei­ne und ver­las­sen. Mir hilft dann oft der Pro­be­abend im Musik­ver­ein. Ein­fach mal für mich sein, ande­re Men­schen tref­fen und Musik machen, reden und gesel­lig zusam­men­sit­zen. Im All­tag muss ich immer wie­der auf­pas­sen, dass ich Peter nicht alles abneh­me. Unse­re Ergo­the­ra­peu­tin hat das ganz gut erklärt. Für Peter sind die All­tags­din­ge nicht ein­fach nur Hür­den und Pro­ble­me. Nein, es sind auch wich­ti­ge Trai­nings­ele­men­te zur Ver­bes­se­rung sei­nes Gesund­heits­zu­stan­des. Aus die­ser Sicht soll ich Peter am bes­ten nur dann unter­stüt­zen, wenn er mit einer Situa­ti­on gar nicht zurecht kommt oder er ein­fach zu müde ist, um eine Situa­ti­on zu lösen. Wich­tig ist laut unse­rer Ergo­the­ra­peu­tin auch, den Tag nicht in eine Dau­er­the­ra­pie­ein­heit zu ver­wan­deln. Das leuch­tet mir ein, nie­mand kann den gan­zen Tag bei allen Din­gen immer nur ler­nen und üben. Ob ich immer das rich­ti­ge Maß fin­de kann mir Peter mitt­ler­wei­le ganz gut signa­li­sie­ren. Wenn ich mal nicht auf­pas­se, mer­ke ich es spä­tes­tens wenn Peter im Tun ein­schläft.”

Han­nes, 15 Jah­re, und Karl, 17 Jah­re, Gym­na­si­um, Fuß­ball und Schwimm­ver­ein

“Wenn Han­nes und ich mal wie­der Zoff haben oder wir bei­de in der Schu­le rich­tig am Kämp­fen sind weil Pro­ben anste­hen, kann es schon mal sein, dass Papas Art nervt. Anstatt zu hel­fen oder, wie er es vor dem Schlag­an­fall manch­mal mach­te, mit uns Fuß­ball zu spie­len, pas­sen wir auf ihn auf. Das ist sehr gewöh­nungs­be­dürf­tig. Es fühlt sich selt­sam an. Der Vor­teil ist es aber schon, weil schimp­fen kann Papa auch nicht mit uns.”
“Karl hat es schon bes­ser, er bleibt ein­fach mal län­ger weg, wäh­rend ich ich immer frü­her daheim sein muss. Was ich ich genies­se, ist mit Papa Fuß­ball im Fern­se­hen zu schau­en. Papa kann nicht ver­nünf­tig reden, den­noch muß ich auch auf ihn hören, das fin­de selt­sam und fällt mir manch­mal schwer. Was ich mir gar nicht vor­stel­len kann ist, wie es sich anfühlt wenn man nicht die Türe öff­net wenn es klin­gelt, weil man nicht spre­chen kann.”
“Ja, Han­nes, mich wür­de es inter­es­sie­ren wie es für Papa ist, wenn er ein­fach nicht sagen kann was er gera­de sagen möch­te.”

Wir haben ver­sucht eine Fami­lie zu zeich­nen, um das The­ma Apha­sie greif­ba­rer zu machen. Im Schrei­ben wird es deut­lich, das ist nicht leicht und kei­nes­falls lässt sich das über einen Kamm sche­ren. Da jeder Mensch und jede Fami­lie anders ist und eine eige­ne Lebens­ge­schich­te hat, kann unse­re erfun­de­ne Rei­he um eine fik­ti­ve Fami­lie nur ein Denk­an­stoß sein. Ein Denk­an­stoß, um sich mit dem The­ma Apha­sie und Schlag­an­fall aus­ein­an­der zu set­zen. Viel­leicht kön­nen wir so einen Bei­trag leis­ten dass der ein oder ande­re etwas mehr Ver­ständ­nis für Apha­s­iker und von Apha­sie mit­be­trof­fe­nen auf­brin­gen kann.

Aphasie macht sprachlos [2]

Letz­te Woche haben wir die Annä­he­rung an das The­ma Apha­sie mit einem Gedan­ken­ex­pe­ri­ment begon­nen. Gedan­ken­ex­pe­ri­ment des­we­gen, weil wir nicht von Apha­sie betrof­fen sind. Den­noch möch­ten wir uns mit dem The­ma beschäf­ti­gen. Da es um Men­schen geht, kön­nen wir mit­tels Vor­stel­lungs­kraft und Ein­füh­lungs­ver­mö­gen ver­su­chen, uns in die Situa­ti­on der han­deln­den Per­so­nen zu ver­set­zen. Die Fort­set­zung unse­res Gedan­ken­ex­pe­ri­men­tes führt uns also heu­te zu ver­schie­de­nen Per­so­nen. Alle Per­so­nen sind mit­tel- oder unmit­tel­bar von einer Apha­sie nach Schlag­an­fall betrof­fen. Für unser Expe­ri­ment geben wir unse­ren Per­so­nen Namen und machen sie “greif­ba­rer”. In Gedan­ken las­sen wir Peter selbst spre­chen:

Peter, 40 Jah­re, Maschi­nen­schlos­ser, Fuß­ball­ver­ein aktiv, sport­li­che Lei­tung Jugend­fuß­ball, Schlag­an­fall vor 2 Jah­ren, Apha­sie, Halb­sei­ten­läh­mung rechts, ver­hei­ra­tet, 2 Kin­der

“Damals, nach mei­nen Schlag­an­fall, als ich die not­fall­me­di­zi­ni­sche Behand­lung hin­ter mir hat­te, erin­ne­re ich mich noch gut an eine bestimm­te Situa­ti­on. Mei­ne Ergo­the­ra­peu­tin hielt mir eine Fei­le hin. Ich kann­te das Werk­zeug, klar bei mei­nem Beruf. Nur, wie heißt das Ding was ich sehe? Ich grü­bel­te und zer­mar­ter­te mir das Gehirn. Umsonst, mir fiel der Name nicht ein. Das geht mir öfters so. Ich erken­ne Din­ge oder ich weiß wenigs­tens, dies hab ich schon gese­hen. Der Name der Din­ge ist nicht greif­bar. Mir liegt es auf der Zun­ge, aber es kommt mir nicht über die Lip­pen. Nach Wor­ten rin­gen das ist mei­ne Haupt­be­schäf­ti­gung, so scheint es mir. Wenn nur nicht alles so anstren­gend und kräf­te­rau­bend wäre. Das stän­di­ge Über­le­gen macht mich müde. Oft wür­de ich ger­ne noch etwas sagen, schaf­fe es ein­fach wegen mei­ner Müdig­keit nicht mehr. Klar, auch mei­ne Halb­sei­ten­läh­mung for­dert mich kräf­te­mä­ßig. Leich­tes­te Auf­ga­ben, die ich frü­her ganz ein­fach, so im “vor­bei­ge­hen” erle­digt habe, fal­len mir heu­te schwer. Ich brau­che viel mehr Zeit für alles. Ich brau­che Zeit zum Über­le­gen, Zeit zum Schu­he bin­den, Zeit zum Hören und ver­ar­bei­ten. Zeit und immer wie­der Zeit. Katha­ri­na will los zum Ein­kau­fen und ich soll mit. Einer­seits ist das pri­ma, mal wie­der raus, was ande­res sehen. Wenn da nur nicht alles so schnell gehen wür­de. Mir ist schon klar dass es an mir liegt, aber es ist eben alles schnel­ler als in mei­ner Wirk­lich­keit. Wir brau­chen noch Wasch­mit­tel! Bis ich das Wasch­mit­tel gefun­den habe, hät­te Katha­ri­na wahr­schein­lich schon den hal­ben Laden in den Ein­kaufs­wa­gen geräumt. An der Kas­se flit­zen wir nur so durch und schon sind wir wie­der zuhau­se. Neu­lich haben wir Memo­ry gespielt und ich den­ke, dass mir Kar­ten güns­tig gelegt wur­den damit ich auch ein Erfolgs­er­leb­nis habe. Hat lei­der nicht geklappt. Ich habe kei­ne Paa­re gefun­den und füh­le mich reich­lich blöd im Kopf. Manch­mal, wenn ich jeman­den vom Fuß­ball­ver­ein tref­fe fällt mir auf, wie schwie­rig es sein muss mit mir zu reden. Da wird mir eine Fra­ge gestellt und ehe ich rich­ti­ge Wor­te fin­de, erhal­te ich prompt die Ant­wort vom Fra­gen­den. Das ist komisch. Ich bemü­he mich ja, aber ganz so schnell geht es eben nicht. Vie­le Men­schen kön­nen ein­fach die Pau­sen in einem Gespräch mit mir nicht aus­hal­ten. Das frus­triert mich und manch­mal den­ke ich, es wird doch wohl mal die­ser Traum end­lich zu Ende sein. Ist er sicher nicht, das ahne ich. Mein Ziel ist es, end­lich wie­der am Ver­eins­le­ben teil­neh­men zu kön­nen — dar­auf arbei­te ich hin und bin froh, dass mei­ne Frau und auch mei­ne Kin­der mir dabei hel­fen wie sie kön­nen.”

Umfäng­lich über die Pro­ble­me zu berich­ten ist nicht leicht mög­lich. Jeder Mensch ist anders. Jede Lebens­ge­schich­te ist anders. Somit kön­nen wir sicher kein kom­plet­tes oder all­ge­mein gül­ti­ges Bild von Apha­sie zeich­nen. Wich­tig ist uns, dass wir Sie zum Nach­den­ken anre­gen kön­nen. Wir wol­len in ande­rer als der sonst übli­chen Wei­se über Apha­sie berich­ten. Nächs­te Woche schreibt Peters Frau Katha­ri­na wie sie Peter erlebt und was Ihre Schwie­rig­kei­ten sind. Auch Peters Kin­der kom­men zu Wort.

Aphasie macht sprachlos [1]

Wir möch­ten uns heu­te dem The­ma Apha­sie annä­hern. Annä­hern des­we­gen, weil wir nicht betrof­fen sind und von daher nur aus “zwei­ter Hand” berich­ten kön­nen. Den­noch, davon sind wir über­zeugt, kön­nen wir ver­su­chen uns in das The­ma ein­zu­den­ken. Wir möch­ten uns mit­füh­lend dem Leben der betrof­fe­nen Men­schen wid­men. Einen medi­zi­ni­schen Blick wer­den wir nur ganz klein und nur soweit wie unbe­dingt not­wen­dig ver­wen­den. Zur medi­zi­ni­schen Sicht gibt es vie­le und gute Infor­ma­tio­nen, die jeder Inter­es­sier­te ver­hält­nis­mä­ßig ein­fach bekom­men kann. Uns bewegt der Mensch der von Apha­sie betrof­fen ist, sei­ne Fami­lie, sei­ne Freun­de und sein Umfeld. Apha­si­en, also der umgangs­sprach­li­che Sprach­ver­lust, ent­ste­hen durch Ver­let­zun­gen des Gehirns. Als häu­figs­te Ursa­che für eine Apha­sie ist wohl der Schlag­an­fall zu erwäh­nen.

Ein von Aphasie betroffener Mensch

  • kann sich sprach­lich nicht oder nur schwer ver­ständ­lich machen.
  • hat eine Sprach­stö­rung, das Den­ken und das erwor­be­ne Wis­sen sind nicht betrof­fen.
  • ist nicht geis­tig behin­dert
  • ver­steht Zusam­men­hän­ge
  • kann die Rea­li­tät wahr­neh­men
  • hat Gefüh­le wie jeder ande­re Mensch auch

Apha­si­en exis­tie­ren in unter­schied­li­chen Aus­prä­gun­gen. Das geht von Wort­fin­dungs­stö­run­gen bis hin zum voll­stän­di­gen Sprach­ver­lust oder auch dem Ver­lust des Sprach­ver­ständ­nis­ses. Bei der durch Schlag­an­fall aus­ge­lös­ten Apha­sie ist meis­tens die lin­ke Gehirn­hälf­te und die rech­te Kör­per­hälf­te betrof­fen. Die lin­ke Gehirn­hälf­te ist für die Spra­che zustän­dig. Da die Spra­che als sol­ches nicht fer­tig in unse­rem Gehirn her­um­liegt, erklärt es auch, war­um das allei­ni­ge üben von Wör­tern und Sät­zen zum Wie­der­erlan­gen der Spra­che nichts bringt. Spra­che ent­steht dadurch was wir gera­de erle­ben und was Gesprächs­part­ner mit uns bespre­chen. Alles was um uns her­um pas­siert, was uns inter­es­siert und was wir regis­trie­ren, erzeugt Erin­ne­run­gen und Gefüh­le und pro­du­ziert eben so auch Spra­che.

So steht jetzt eine Per­son plötz­lich neben den Schlag­an­falls­fol­gen auch noch von Sprach­lo­sig­keit geplagt im Leben. Alles ist mit einem Mal, ja, von einer zur ande­ren Sekun­de anders. Wir haben uns in Vor­be­rei­tung auf die­sen Bei­trag oft über­legt, wie es in die­ser oder jener Situa­ti­on ohne Spra­che wäre. Das ist sehr schwer vor­stell­bar gewe­sen. Hin­zu kommt ja noch, dass das Spre­chen ja die eine Sache ist, aber die gespro­che­nen Wor­te einer ande­ren Per­son rich­tig zu ver­ste­hen, eine ganz ande­re Geschich­te ist. Dann wird es mit der Vor­stel­lung schon sehr schwie­rig. Viel­leicht kann man das so sehen, als ob jemand in einer unbe­kann­ten Fremd­spra­che mit uns spricht. Bei die­sem Bei­spiel sind wir für unser Gedan­ken­ex­pe­ri­ment geblie­ben. Wenn die Per­son lang­sam mit uns spricht, kön­nen wir die ein­zel­nen Wor­te bes­ser ver­ste­hen oder viel­leicht sogar nach­spre­chen. Den Sinn der Wör­ter kön­nen wir aber nur begrei­fen, wenn unser Gegen­über mit Mimik und Ges­tik mit uns kom­mu­ni­ziert. Hel­fend wären sicher auch Gegen­stän­de, die das Gespräch beglei­ten oder auch Bil­der. So könn­ten wir die­se unver­ständ­li­chen Wor­te mit uns bekann­ten Bil­dern und Erfah­run­gen ver­knüp­fen und uns so man­ches mer­ken. Auch unser Gegen­über könn­te, wenn wir gleich agie­ren, unse­re Wor­te ver­ste­hen. Was wir bei­de aber unbe­dingt brau­chen ist der Fak­tor Zeit. Die­se Gesprä­che brau­chen Zeit und somit auch Geduld. Eben­so müs­sen sie von Inter­es­se geprägt sein. Inter­es­se, sich mit unse­rem Gegen­über aus­ein­an­der zu set­zen. Spaß am Gespräch eben. Eine Pri­se Humor öff­net sicher­lich auch die Tür zu unse­rem Gegen­über.

Der Aus­tausch ist es, was uns even­tu­ell etwas näher zur Spra­che bringt. Die Geduld und die Bereit­schaft sich mit dem Gegen­über vor­ur­teils­frei zu unter­hal­ten. Auch wenn die Wör­ter des Spre­chen­den nur schwer zu ver­ste­hen sind oder nicht erin­nert wer­den kön­nen. Der Aus­tausch, das Rin­gen um die Wor­te, die Bil­der und die Emo­tio­nen sind es, die ein Gespräch aus­ma­chen und die den Weg zurück zur Spra­che, zu den Wor­ten, ebnen.

In der nächs­te Woche wol­len wir uns mit den han­deln­den Per­so­nen beschäf­ti­gen. Der von Apha­sie Betrof­fe­ne, dem Part­ner und ande­re Per­so­nen aus dem Umfeld des Betrof­fe­nen. Alle Per­so­nen haben ihre eige­ne Sicht und ihre eige­nen Schwie­rig­kei­ten. Wie gehen wir mit­ein­an­der um? Was für Erwar­tun­gen haben die Per­so­nen? Wel­che Lösun­gen kann es geben?